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HISTORISCHE EREIGNISSE :
Holzverarbeitende Betriebe in Nettelrede
 
Historische Ereignisse aus Nettelrede
 
Quelle: Fotos und Textauszug aus dem Buch "STÜHLE UND MEHR"
Das Deister-Süntel-Tal, die Wiege der Norddeutschen Stuhlindustrie
von Matthias Biester und Klaus Vohn-Fortange (ISBN 3-00-006845-7)
 
Stuhlfabrik Voss & Sasse (Lauenau),
Zweigbetrieb Nettelrede - Abhängig vom Hauptwerk
 
Das Dörfchen Nettelrede gehörte bis 1852 verwaltungsmäßig zum Amt Lauenau. Statistisch sind erstmalig 1843 vier Tischler mit ebensovielen Gehilfen erfaßt. Zwei der Tischler erhielten vom Staat die Konzession, den Beruf auszuüben, die beiden anderen besaßen das Meisterrecht.
Im Ort ging die Entwicklung nur langsam voran. 1845 gab es nach wie vor vier Tischler, die Zahl ihrer Beschäftigten war auf zehn angestiegen. Der Tischlermeister Hunte und seine fünf Arbeiter erzielten mit 360 Stühlen den höchsten Produktionsausstoß in der Gemeinde, der pro Kopf gerechnet lediglich bei 60 Stühlen und zwei Tischen im Jahr lag. Friedrich Lampe mit einer und Wilhelm Busse mit zwei Hilfskräften fabrizierten 192 bzw. 288 Stühle jährlich. Vollständigkeitshalber sei noch Friedrich Meyerhof genannt. Er und seine zwei Mitarbeiter fertigten jeweils fünf bis sechs Stühle im Monat. Im Laufe der Zeit verdienten sich im­mer mehr Nettelreder ihren Lebensunterhalt im holzverarbeitenden Gewer­be. Diese Entwicklung wurde einerseits durch den Bevölkerungszuwachs hervorgerufen, andererseits durch die Agrarreformen der Jahre 1831-1833 und 1842, die „in den folgenden Jahren mit der Ablösung der bäuerlichen Grundlasten sowie mit den Gemeinheitsteilungen und Verkoppelungen einen grundlegenden Wandel der Landwirtschaft" und der sozia­len Struktur verursachten. Während die einen ihren Besitz vermehrten, verzeichneten die Dörfer eine Zunahme landarmer und landloser Bewohner. Die Betroffenen konnten ihren täglichen Bedarf nur zum Teil oder überhaupt nicht mit landwirtschaftlicher Tätigkeit bestreiten. Die neuen komplizierten Agrarstrukturen förderten die Entwicklung des Gewerbes im ländlichen Raum. Ehemals nebenberufli­che Tischlerarbeit wandelte sich im Laufe der Jahre zur Haupteinnahmequelle, die Landwirtschaft betrieb man nun im Nebenerwerb. Besonders betroffen waren die Ortschaften in Hanglage - wie Nettelrede - mit unzureichender landwirtschaftlicher Nutzfläche.
Trotz dieser Entwicklung kam es vorläufig zu keiner nennenswerten Firmengründung mit industriemäßiger Stuhlproduktion. Auch die Stuhltischlerei von Seidel und Wehrhahn von 1903 endete bereits 1911. Viele der unabhängigen Handwerker gaben nach und nach auf und arbeiteten in der später gegründeten holzverarbeitenden Fabrik von Voss & Sasse in Nettelrede. Andere selbständig gebliebene Tischler gerieten immer mehr in Abhängigkeit des Werkes. Als Haustischler beschäftigten die Inhaber 1932 aus Nettelrede:
Ernst Busse, Friedrich Koch, Heinrich Krückeberg, Heinrich Wehrhahn 1 und Heinrich Wehrhahn 2.
Über Umwege siedelte sich trotzdem ein holzverarbeitendes Unternehmen an. Der Maurermeister Friedrich Borchard aus Luttringhausen erwarb 1905 den Lambachschen Hof, seinerzeit das größte Anwesen in Nettelrede. Nachdem sein eigentliches Vorhaben, eine Gastwirtschaft mit Tanzsaal zu betreiben, aus kon­zessionsrechtlichen Gründen scheiterte, beschloß er, eine Holzschneiderei zu errichten. Trotz mancher Rückschläge ließ sich Borchard nicht beirren. Tatkräftig unterstützt von Frau und Kindern, gelang es ihm, das Werk nach einem Brand wieder aufzubauen und in den folgenden Jahren großzügig zu erweitern, so daß er sich um 1912 mit Fug und Recht „Stuhlfabrikant" nennen konnte. Der Erste Weltkrieg setzte dem Unternehmen ein Ende. Das Sägewerk wurde 1917/18 von der Lauenauer Firma Voss & Sasse (später Casala) übernommen, zunächst pachtweise schließlich durch Kauf und danach erweitert und modernisiert.
Durch die zunächst erhöhte Nachfrage nach Sitzmöbeln stieg die Beschäftigtenzahl im Jahr 1920 auf 41 Personen an. Im selben Jahr reihten sich die Arbeiter allesamt vom 16.03. bis 18.03. in die Abwehrfront zur Verteidigung der Verfassung ein. Aufgrund der langsamen, aber unaufhaltsamen Inflation betrug ihr Lohnverlust immense 4.430 Mark. Der immer stärkere Währungsverfall ließ die Wogen der Auseinandersetzungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern hoch schlagen. Die Beschäftigten der Holzbranche forderten Lohnausgleich. Als die Arbeitgeber das nicht akzeptierten, traten die Beschäftigten in den Streik. Im gesamten Tarifgebiet reagierten die Fabrikanten mit Aussperrungen. In der Zeit vom 14. bis zum 29. Mai lag die Fabrikation in Nettelrede still. Auch 1926 war die Produktion eingeschränkt, „um den Arbeitern Gelegenheit zu geben, bei der Ernte" zu helfen.
Eigentlich sollte der Betriebsteil Nettelrede erweitert werden. Da aber ein Landwirt die erforderlichen Ländereien nicht verkaufte, unterblieb das Vorhaben. Stattdessen errichtete man ein Sägewerk in Rodenberg. Als die Arbeiter nach der konjunkturellen Aufschwungsphase ihren Anteil am Gewinn einforderten, kam es zu einer Reihe von Maßnahmen, die nicht ohne Auswirkungen auf das gesamte holzverarbeitende Gewerbe bleiben sollten. Für den Raum Springe, in dem damals etwa 2.000 Arbeiter beschäftigt waren, hatte insbesondere die verbindliche Festsetzung der Lohnsätze durch das Reichsarbeitsministerium in Berlin existentielle Bedeutung. Diese Anordnung führte zu Belastungen, die man seitens der Unternehmer nicht bereit und in der Lage war länger zu tragen. Voß und Sasse sahen sich gezwungen, den Nettelreder Zweigbetrieb zu schließen, wie aus einem Antragsschreiben der Firma an den Regierungspräsidenten von Hannover vom 7. Januar 1927 hervorgeht. „Die Belegschaft unseres Zweigbetriebes Nettelrede erhebt Anspruch darauf, dass sie nach dem Bezirks-Lohnvertrage vom 27.4.1927, welcher durch das Reichsministerium für verbindlich erklärt ist, entlohnt wird. Die danach für uns in Frage kommenden Lohnsätze sind derartig hoch, dass sie ein Weiterarbeiten vollkommen unmöglich machen. Außerdem werden ... die festgelegten Löhne rückwirkend vom 1. September ab gefordert. Es bedeutet dieses eine Nachzahlung, die unbedingt über dem Geschäftsgewinn des Jahres 1927 aus diesem Betriebe liegen wird. Das uns durch evtl. Nachzahlungen entzogene Betriebskapital würde also schon an sich die Stillegung zur Folge haben."
Nach mündlichen Quellen sollen die Nettelreder dementsprechende Lohnsätze nie erhalten haben. Auch wurde der Betrieb nicht ausgesetzt. Vermutlich baute die Firma im Sog der weltwirtschaftlichen Ereignisse den Personalstand ab. Im Jahre 1930 fanden sogar Besprechungen mit Voss und Sasse im Münder Rathaus statt, mit dem Ziel die angekündigte Schließung des Tochterunternehmens zu verhindern. Eine weitere Existenzkrise drohte, als man in Lauenau die Werksanlage ausbaute und beabsichtigte, das Werk Nettelrede zu schließen. Infolge der günstigen Konjunktur unterblieb das Vorhaben. Im Gegenteil, 1934 waren wieder 89 Personen im Betriebsteil Nettelrede beschäftigt. Gleichzeitig investierten die Betriebsinhaber in neue Produktionsanlagen und verbesserten die sozialen Einrichtungen. So entstand, ganz im Sinne der nationalsozialistischen Propaganda, unter anderem „ein schöner Aufenthaltsraum mit Radioanlage und bequemen Bänken". Der ökonomische Aufwärtstrend trug zur Erhöhung der täglichen Arbeitszeit bei. Zur Erledigung von Weihnachtsaufträgen 1935 wurden den Fabrikbesitzern bis zu zehn Stunden tägliche Arbeitszeit genehmigt. 83 Arbeiter über 18 Jahre kamen in diesen „Genuß". Durch Wirtschaftsaufträge und „nationalsozialistischen Geist wuchs die Belegschaft zusammen". Begriffe wie „Gefolgschaft" und „Kameradschaft" wurden groß geschrieben, und man nahm regen Anteil am weltgeschichtlichen Geschehen: „In der Mittagspause versammelten sich die Arbeiter im Gemeinschaftsraum, um die Radionachrichten zu hören. ... Nach Feierabend hatte der Werk-Luftschutzwart alle 'Hände voll zu tun', da schon nachts einige Male bereits 'ein feindlicher Flieger über Nettelrede hinweggebrummt' war."
Für die inzwischen zur Wehrmacht eingezogenen Männer kamen 15 Polen als Fremdarbeiter nach Nettelrede. Sie halfen die Kriegsproduktion aufrechtzuerhalten und stellten u. a. Munitionskisten her. Der Zweigbetrieb fungierte im wesentlichen als Zulieferer und versorgte die Lauenauer Firma mit zugeschnittenen Stuhlteilen und Serienstuhlgestellen. Pferdegespanne und gegen Ende der 30er Jahre auch Zugmaschinen übernahmen den Transport zwischen Nettelrede und Lauenau. Die Abhängigkeit vom Mutterbetrieb machte sich nach dem Zweiten Weltkrieg immer wieder bemerkbar. In ökonomisch schwierigen Phasen war die Nettelreder Fabrik besonders hart betroffen, Produktionskapazitäten blieben unausgelastet. Im November 1952 trafen sich 19 Beschäftigte zu einer Konferenz, die über die Streikstimmung ihrer Kollegen und über die gegenwärtige Lage in der Holzbranche berichteten. Der Kollege Figura als Vertreter des Zweigbetriebes gab folgende Einschätzung: „In Nettelrede war das Abstimmungsergebnis 80 Prozent für Streik, während in Lauenau nur 69% für Kampfmaßnahmen stimmten. Der Zweigbetrieb ist vom Hauptbetrieb abhängig. Im Zweigbetrieb wurden monatelang nur 40 Stunden wöchentlich gearbeitet, während die Arbeitszeit in Lauenau immer 48 - 50 Stunden war. Kollege Hothan, Lauenau, hat gesagt, daß er sich nicht für einen Streik aussprechen könnte. Nach Bekanntwerden des Abstimmungsergebnisses hat der Arbeitgeber die Betriebsvereinbarung gekündigt und weitere Maßnahmen in Aussicht gestellt. Da der Betriebsrat des Hauptwerkes in Lauenau nicht für einen Streik stimmt, kann es der in Nettelrede auch nicht."
Die Mitarbeiterschaft - Mitte der 60er Jahre auf 74 Personen verringert - rekrutierte sich vor allem aus der Gemeinde und aus den umliegenden Ortschaften (Luttringhausen, Böbber, Bad Münder). Nach der endgültigen Produktionseinstellung suchten sich die Betriebsangehörigen neue Anstellungen. Danach sank das Werk in eine Art Dornröschenschlaf. Die Anlagen zerfielen, die Natur nahm wieder Besitz von dem Areal. Ein neuer Eigentümer trat auf den Plan, der die Dampfmaschine wieder in Gang setzen und ein Industriemuseum ins Leben rufen wollte. Das war 1990. Bisher wurden noch keine entscheidenden Schritte unternommen. „Prinzen", die das Projekt fördern, sind bisher noch nicht in Erscheinung getreten.
 
Es folgen Aufnahmen von der ehemaligen Casala Fabrik von Wilfried Wehrhahn
 
   
Das alte Nettelrede und Luttringhausen
 
Anmerkung: Die meisten Beiträge stammen von der ehemaligen Internetseite www.groenje.de
 
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